9. Februar 1944: Neumünster
Unser Sani-Kursus neigt sich seinem Ende. Heute ist uns schon gesagt worden, daß wir am Montag von 9 - 11 Uhr Prüfung haben. Danach bleiben wir noch über 4 Wochen im Lazarettdienst tätig.
22. Februar 1944: Berlin
Mein Liebes, habe Dir ja versprochen, heute einen Brief zu … es doch nur 8 Tage weiter wäre, dieses Heimweh ist nicht schön. Hoffentlich erreichen wir morgen unseren Lazarettzug. Schreibe mir bitte bald. Mit Deiner Post ist es so, Du schickst alles nach Berlin (siehe Absender) und von Berlin wird die Post einmal wöchentlich abgeholt …
Ach, das ganze Leben ist so ein Dreck … ! Ich mußte meinem Herzen mal wieder Luft machen.
Also, Berlin ist mir zu laut! Wir haben Mittag und Abendbrot bei Achinger gegessen. Haben die hier ein Mundwerk! Heute Vormittag sind wir durch das Regierungsviertel gegangen und »Unter den Linden« Trümmer … Trümmer … Trümmer. Nur, es liegen nicht so ganze Stadtviertel nieder, wie bei uns in Hamburg.
Heute Nachmittag waren wir im "Wintergarten" - wir hatten 5 Karten bekommen. Es war sehr nett, aber mir fehlte jemand … Alle 4 - 5 Wochen sollen wir für 4 Tage Kurzurlaub haben. … Unser Laz.-Zug ist in Warschau, und wir müssen warten, bis er in Deutschland ist und wir zusteigen können.
25. Febraur 1944: Arnstadt/Thüringen
Unser Lazarettzug ist nach langem Warten endlich hier! Ab geht es nach Gotha, von da über Plauen nach Ilmenau, quer durch den Thüringer Wald. Ich bin aus dem Staunen nicht herausgekommen, ein herrliches Land. Alles war tief verschneit …
Als wir unsere Verwundeten ausgeladen hatten, ging es zurück nach Arnstadt. Hier empfangen wir Verpflegung, Wäsche usw. dann geht es weiter nach …
Ich bekam einen Wagen mit 30 Betten zugewiesen, wofür ich alleine aufzukommen habe. Schwestern gibt es in unseren Zügen nicht. Morgen muß ich alle Betten beziehen. Ich habe einen kl.Schreibtisch mit Blumen vor dem Fenster … das Essen ist prima, auch Zigaretten haben wir bekommen.
25. Februar 1944: Erfurt
Soeben komme ich aus dem Luftschutzkeller. Von 23 Uhr bis 2 Uhr 20 war hier Alarm. Unser Laz.-Zug ist noch nicht da, wir erwarten ihn stündlich. Das Schlimmste ist, ich habe nichts mehr zu rauchen … Ich werde wohl noch viele Städte kennenlernen. Für mich wohl nicht zum Schaden.
26. Februar 1944: Arnstadt
… heute ist Sonnabend. Ich habe meine große Reinmacherei hinter mir. Habe alles durchgefeudelt. Eine böse Arbeit, der Wagen ist immerhin 20 m lang und 3 m breit. Fast wie eine gute 3-Zimmer-Wohnung. Betten sind übereinander.
Die Kameraden sind alle in die Stadt, ins Varieté gegangen. Ich hatte keine Lust, bin lieber in Gedanken bei Euch.
Wenn ich hier aus meinem Fenster sehe, dann liegt 5-600 m flaches Land vor mir - dann steigen da 4 Berge steil hoch. Auf dem einen Berg steht oben ein Schloß, alles überragend, wunderschön …
27. Februar 1944: Arnstadt
Nun habe ich den Sonntag auch hinter mir. Habe den ganzen Tag viel Arbeit gehabt. Alle Behälter mit Wasser füllen und Kohlen besorgen. Wir haben hier einen Ofen drinnen. Wenn die Heizung abgestellt ist, stecken wir den Ofen an. Ich stehe hier mit meinem Wagen sehr günstig, direkt neben einem Kohlenlager der Eisenbahn …
Die Burg von meinem Fenster aus gesehen, ist die Watzenburg!
28. Februar 1944: Erfurt
Soeben sind wir von Erfurt wieder abgefahren. Morgen, wenn wir aufwachen, sind wir in Dresden. Mittags geht es weiter nach »Lbg.«, also wird dieser Brief wohl der letzte sein, den Du aus Deutschland bekommst. Wenn wir aus P. wieder zurück kommen, freue ich mich schon auf die Post, denn man ist ja wie von der Welt abgeschnitten. Kein Radio, keine Zeitung, nichts. Haben wir etwa schon Frieden und ich weiß es nicht? … Ich kann mit dem besten Willen - soeben fuhren wir durch Weimar - nicht weiterschreiben, der Zug schaukelt, wie auf dem Dom! (Dom = Jahrmarkt in Hamburg!)
29. Februar 1944: Breslau
Um 11 Uhr sind wir aus Dresden wieder abgefahren, über Bautzen - Görlitz - Liegnitz - Bunzlau … hier haben wir Lokomotivwechsel. Heute Nacht fahren wir über die polnische Grenze bis hinter Lemberg. Am Sonnabend oder Sonntag sind wir wieder zurück. Wir wissen nur noch nicht, wo wir die Verwundeten bekommen …
1. März 1944: Przemysl / Polen
Seit heute Nacht 5 Uhr fahren wir schon durch Polen. Es ist jetzt 19 Uhr, also seit 14 Stunden immer nach Osten … aber ich will von vorne anfangen. Wir fuhren von Breslau - Gleiwitz über die Grenze. Als es hell wurde, waren wir erschüttert über dieses trostlose Land, kleine, kümmerliche Häuser … sowie der Zug mal auf der Strecke hält, stürzen Kinder barfuß aus dem Haus und geht die Bettelei um Brot los. So etwas kann ich schon gar nicht mit ansehen …
Bei Krakau fuhren wir über die Weichsel und dann immer am Fuße der Karpaten entlang. Das Land macht einen sehr unkultivierten Eindruck.
Eben bekomme ich Bescheid, heute Nacht um den Zug Wache zu gehen, wegen der Partisanen. Wir gehen immer mit 2 Mann. Es ist Mondschein. Wir stehen kurz vor Lemberg. Hier werden 50 Mann eingeladen. In Reichshof kommt der Rest
3. März 1944: Krakau
Ich bin zwar hundemüde, meine 50 Verwundeten machen allerhand Arbeit, aber ich will Euch doch schnell ein paar Zeilen schreiben. … lauter schwere Fälle, Amputationen usw. viele vom Rhein, ein einziger aus Norddeutschland. Aus Erfde bei Friedrichstadt!
Ich kann nicht mehr, mir fallen die Augen zu.
3. März 1944: Dessau
Leider konnte ich am Mittwoch nicht noch kommen. Wir sind um 21 Uhr abgefahren, nach Berlin. Heute haben wir die Berliner Bombenopfer eingeladen. Männer, Frauen und Kinder. Wir hatten hier heute Alarm. Es hat schwer über uns gerauscht, aber die Bomben fielen weiter ab von uns. Schön war es nicht, so auf offener Strecke zu liegen.
Wir fahren ins Sudetenland, Eger - Karlsbad - Marienbad - durch das Riesengebirge. Wir halten jetzt in Dessau. Ich habe in meinem Wagen nur Männer und einen Jungen von ca. 14 Jahren. Wenn wir unsere Fahrt hinter uns haben, geht es nach Neumünster in die Werkstatt und wir hoffen auf Urlaub. Ich freue mich sehr darauf … und bin sehr gespannt, ob bei unserem »Haus« schon angefangen worden ist. Ich glaube nichts mehr, leider. Aber auch dieser Krieg geht mal vorüber und dann auf nach unserem Altona …
18. April 1944: Posen
Ihr Lieben!
Schwein muß der Mensch haben. Ich kam an, hinein in den Zug und ab. Dafür hatte ich aber den ganzen Tag wahnsinnige Kopfschmerzen. Unser Spieß hat den Zug nicht mehr bekommen, der kam erst in Pasevalk zu uns. Wir sind über Bad Oldesloe - Lübeck Stettin gefahren. Mir soll keiner etwas über die »kalte Emma« (EBO) sagen! Wenn die nicht so pünktlich gewesen wäre, hätte ich den Zug nicht erreicht. Wir fahren in den Nordabschnitt. - Eben haben wir einen kleinen Kameradschaftsabend mit Preisskat gehabt. Es war die 100ste Fahrt des Zuges. Jeder bekam eine halbe Flasche Cognac und 10 Zigaretten. Die Flasche sollte ausgetrunken werden! Aber da kennen sie mich ja schlecht. Ich habe 2 Schluck aus meiner Flasche getrunken. Die anderen waren langsam blau und ich habe markiert und bin dann mit meiner fast vollen Flasche in der Hosentasche, schwankenden Schrittes, in meinen Wagen gegangen …
Mein Liebes, soeben bekomme ich deinen Brief vom 18. 03. 44. Das war auch alles … nichts mehr … Ein Brief in 14 Tagen, ein mageres Ergebnis. Keines von meinen lieben Kindern, die ihren Pa so lieb haben - wenn er da ist - hat Zeit für einen Brief. Ach, Ihr wißt ja nicht wie es ist, seit 14 Tagen ohne Nachricht. Keine Zeitung, kein Radio und die Menschen, die Verwundeten, ja, die haben ihr eigenes Leid. Und ich soll und muß helfen und gut zureden. Ich kann Euch sagen, der letzte Transport hatte es in sich. Trotz allem muß man sich wundern, wie tapfer sie ihre Leiden ertragen.
Du darfst nicht den Mut verlieren, was meinst Du, wie mir manchmal zumute ist …
Herzliche Grüße und 1000 K … , auch an meine 4 Faulpelze …
20. April 1944: Bialystock
Soeben sind wir in Bialystock abgefahren. Der Zug fährt sehr langsam, wegen der Minen (Partisanen). Morgen früh sind wir wieder in Warschau. Man sieht hier viele Züge am Bahndamm liegen, die »hochgegangen« sind. Heute Morgen sah ich einen kaputtgeschossenen Panzer im Graben liegen. Auch kommen Flüchtlingszüge noch und noch, die lieber nach Deutschland wollen … wir fahren in den Bezirk Dresden … Ach, ich freue mich schon auf den Urlaub … 14 Tage ??? Ich muß sooft an meinen Garten denken, wenn ich sehe wie die Leute hier in den Gärten arbeiten. Meine Hyazinthe ist heute aufgebrochen … eine herrliche weiße Blüte … und ein Duft …
So, meine Lieben, ich bin sooo müde. Morgens um 4 Uhr hoch und jetzt ist es 2 Uhr. Ich glaube, da habe ich wohl mal Schlaf verdient.
Werden meine Kinderchen auch mal schreiben?
25. April 1944: Siegersdorf
… schnell noch ein paar Zeilen. Wir waren auf der Fahrt in den Osten und mußten plötzlich in Siegersdorf halten, bleiben hier 2 - 3 Tage liegen. Wir halten mit unserem Zug direkt am Wald. Warum wir hier liegen, ist uns schleierhaft … wir wollten nach Lemberg.
Ich habe die Gelegenheit genutzt und habe mir im Wald Grünes gepflückt, Birken und Holunder. So ist auch bei mir im Wagen der Frühling eingezogen … meine schöne Hyazinthe dazwischen. Ich habe hier immer Kameraden zu Gast …
Ach, ich möchte so gerne bei Euch sein … wie schön muß es jetzt in unserem Garten sein.
Heute gab es hier im Zug eine kleine Gemeinschaftsfeier. Ohne Alkohol. Ein Kamerad hat das K.V.K. mit Schwertern bekommen.
Wir bekamen Bohnenkaffee und wunderbaren Kuchen. Ich habe 3 Stück Puffer und 3 Stück Streußelkuchen gegessen. Dazu sieben Tassen Bohnenkaffee!
26. April 1944
Guten Morgen! Soeben kommen wir vom Exerzieren! Hat Spaß gemacht. Aber wenn Ihr noch einmal sagt, ich wäre alt! Obgleich ich im Zug (neben Rudow) der' Älteste bin, konnte ich allen in jeder Weise etwas vormachen. Wir haben einen Dauerlauf gemacht … zuletzt liefen nur noch der Spieß und ich … bis auch er aufgab!
27. April 1944: Brieg
Seit 8 Stunden fahren wir jetzt schon wieder. Soeben kamen wir durch Breslau und hielten hier in Brieg. Ich habe Wache, bin U.v.D. vom Zug. Gerade fahren wir über die Oder. Ich sitze hier und schaue aus dem Fenster … eine unendliche Weite. Ein herrlicher Abend, rot geht die Sonne unter. Eben sah ich am Waldesrand - so 50 - 60 m vom Zug - ein Rudel Rehe.
30. April 1944: Prag
Ihr Lieben!
Eine herrliche Fahrt durch Böhmen habe ich hinter mir. Wir liegen mit unserem Zug jetzt vor Prag und haben keine Einfahrt.
Die Fahrt von Krakau über Oderberg - Kollin, entlang des Oder - Donau - Kanals war einfach wunderschön. Mal stieg der Zug eine Höhe hinauf, dann wieder durch unzählige Tunnel, oder er schlängelt sich am Fuße des Gebirges hin (Mährische Hügel). Ich habe mir nicht träumen lassen, daß ich das alles noch einmal zu sehen bekomme. Die Eisenbahner und Polizisten sehen aus wie Operettenfiguren. Jetzt halten wir in Prag auf dem Hauptbahnhof. Die Stadt liegt wunderbar. Wenn ich aus dem Fenster sehe, liegt vor mir die Prager Burg. Ich habe schnell eine Aufnahme gemacht.
1. Mai 1944: Straßburg
Jetzt bin ich ganz unten im Elsaß und von hier geht es auch wieder Richtung Osten. Wahrscheinlich Rumänien, also Südfront. Ja, ich bekomme sehr viel zu sehen, das Auge kann es fast nicht fassen. Die Fahrt durch Böhmen - Baden - Schwarzwald, war einfach nicht zu beschreiben. Wie schön wäre es, wenn Du bei mir wärest. Schade, daß es jetzt Nacht ist. Gleich fahren wir über den Rhein, aber der Mond scheint ja. …
Auf den Bahnhöfen bekamen wir Blumen über Blumen für unsere Verwundeten. Mein Tisch hier sieht aus wie ein Blumenladen: Birken, Edeltanne, Buchenzweige und wunderschöner Flieder. Ihr müßt wissen, die Natur ist hier schon 3 Wochen weiter als bei uns. Alles steht hier in Blüte. Wenn ich es hier so sehe, bekomme ich Heimweh. … Mit meinem Urlaub von 8 Tagen ist es »Essig«, den gibt es nicht mehr. Wir müssen es dem Zufall überlassen, wann wir mal wieder nach Hamburg kommen. Sei man nicht traurig. Es genügt, wenn ich mich darüber ärgere. In einem Jahr ist der Krieg sowieso aus … Ach Mutti, dann gehört die ganze Welt nur uns beiden. Ich habe sehr oft fotografiert, u.a. auch die Burg »Weibertreu«, liegt bei Heilbronn.
So, mir fallen die Augen zu. Ich habe noch 14 Verwundete im Wagen, die morgen früh ausgeladen werden.
4. Mai 1944: Wintersdorf/Baden
Du glaubst nicht, was das für eine Freude am Zug ist, wenn die Post kommt. Ich bekam 7 Briefe und 1 Karte! Hier ist das herrlichste Wetter. Wir stehen mit unserem Zug in einer wunderbaren Landschaft. Ein herrlicher Buchenwald links von mir, und rechts liegt der Schwarzwald. Wir stehen auf einem Abstellgleis auf freier Strecke.
Gestern Abend haben wir wohl eine Stunde gestanden und gelauscht! Vor meinem Wagen im Wald sangen 2 Nachtigallen, aber so herrlich, man kann es nicht beschreiben. Und heute Morgen um 5 Uhr sang sie schon wieder. Das habe ich nicht gedacht, daß ich mit Nachtigallen-Gesang geweckt würde. Soeben höre ich den Kuckuck rufen … es ist an allen Ecken und Enden ein Vogelgezwitscher …
Übrigens, das mit dem »Goldeimer« sehe ich nicht ein, warum Du allein. Die Kinder können auch gerne ihren eigenen Dreck … Daß Ihr Licht bekommen habt, ist ja ein Wunder. Wegen Tisch- und Handtücher will ich mal sehen. Es kann sein, daß wir noch 1-2 Tage in Straßburg bleiben. (siehe Gedicht »Een Leed«)
10. Mai 1944: Nürnberg
Wir fahren wieder. Heute Nachmittag um 2 Uhr sind wir aus Wintersdorf abgefahren: über Karlsruhe - Pforzheim - Schwäb.Hall. Wohin es geht, ist unbekannt.
Heute bin ich schon wieder 4 Wochen von Euch fort. Ach ja, nach Hause! Wie schön wäre es für immer, nur nicht nachdenken. Du auch nicht, mein Herz! Ich habe gehört, auf Hamburg waren Angriffe und auch auf Schleswig-Holstein! War es schlimm? …
11. Mai 1944: Bad Warmbrunn
… Ich sitze hier am offenen Fenster. Warm scheint die Sonne herein. Auf den Telefondrähten sitzen die Schwalben und zwitschern. Vor mir liegt, schneebedeckt, die Schneekoppe. In einer wunderbaren Pracht liegt das Riesengebirge vor meinen Augen. Warmbrunn liegt im Tal, still und verträumt. Flieger sind hier noch nicht gewesen.
Hoffentlich bin ich Pfingsten im Hause. Ich sehe zwar schwarz. … ach, wenn dieser Mist doch bald vorbei wäre. Je älter man wird, man merkt doch so richtig, das Leben ist so ein Dreck! Was hat man denn, man sieht Elend, hört Gräßliches und versucht zu helfen und gut zuzureden. Lebt selbst dabei in einer steten Sorge um Euch … Ach, Schluß, ich merke, die Feder ist auf dem besten Wege, sich zu verlieren. Wenn die Kameraden wüßten, ich mit meinem Humor! Gewiß, ich bringe die Bude hier oft zum Wackeln, aber ich merke ja, ich mag nicht mehr so wie früher. Hoffentlich kommt es wieder, wenn ich bei Euch bin.
So, nun muß ich schließen. Wir sollen einen Ausmarsch machen. In die Berge. Ich hab keine Lust, habe Kopfschmerzen und keine Tabletten.
Mai 1944
…heute wissen wir, wie schön es früher war, und doch, Mutti, es kommt wieder… wetten? Muttilein, kannst Du nicht mal ins Theater gehen!? Ich habe auch so'n Verlangen danach… (siehe Gedicht »Leng'n«)
15. Mai 1944: Krakau
… heute Nacht konnte ich kein Auge zu bekommen, obgleich ich hundemüde von der Wache war. Hast Du so stark an mich gedacht? Und doch, mein Liebes, wollen wir froh sein, daß wir gesund sind. Wenn ich meine Betten entlang sehe, kann sich einem das Herz im Leibe umdrehen. Wenn wir auch sagen, wir stumpfen ab dagegen. Es ist doch immer wieder eine Nervenbelastung. Wie ich soeben erfahre, sollen wir in den Bezirk Halle/Saale. Schön wird es dort ja sein, aber das reizt mich gar nicht mehr. Wenn einem nicht immer wieder die Pflicht zur Vernunft brächte!
Ich will den Brief gerne in Kattowitz einstecken. Hoffentlich halten wir. An einer Stelle hier haben die Partisanen in der vorigen Nacht einen Zug umgelegt! Ein Glück, daß wir bei Tage hier durchfahren.
21. Mai 1944: Staßfurt-Leopoldhall
Heute ist Muttertag. Ich sitze an meinem kleinen Tisch. Vor mir steht eine Vase mit rotem Mohn, den ich hier heute Morgen am Bahndamm gepflückt habe. Dein kleines Bild steht darunter und von Staßfurt läuten die Kirchenglocken. Hier schmettern die Lerchen ihr Lied. Ich sitze still und denke an Euch daheim. Es ist 9 Uhr 30. Habt Ihr auch an mich gedacht? … Habe ich Dir mit meinem kl. Gedicht eine Freude bereitet, mein Herz? …
Kannst Du mir mal ein paar Kuchenmarken schicken? Ich möchte so gerne mal wieder ein Stück Kuchen essen. Herzliche Grüße, auch an meine 3 kleinen Herzen!
9. Juni 1944: Isernhagen
Meine Lieben!
Schnell ein paar Zeilen. Es ist zwar schon 23 Uhr, aber der Hauptfeldwebel hat solange mit mir geklönt. Ich habe etwas Schüttelfrost und Fieber. Ich bin auf Fleckfieber geimpft und das sind immer die Begleiterscheinungen. Also, macht Euch keine Sorgen. Morgen ist alles wieder vorbei.
Gestern bekam ich Eure ganze Post. Der Brief von H.P. kommt mir richtig geschwollen vor! Wie ich darauf reagiere, muß ich mir noch überlegen. Es kommt mir so vor, als wenn man aus unserer Not Lorbeeren ernten will.
12. Juni 1944: Isernhagen
… soeben ist der Alarm vorbei. Es war nun schon die 4. Nacht, in der sie über uns hinwegbrummen. Heute haben wir fast den ganzen Tag schlafen dürfen, weil wir jede Nacht hoch mußten … wenn wir nur erst aus diesem Nest wieder weg wären … Schon wieder Voralarm.
13. Juni 1944: Isernhagen
… heute haben wir stramm ran müssen. 30 Matratzen und Kopfteile geklopft und 60 Decken ausgeschlagen. Eine böse Arbeit. Morgen dürfen wir alle baden. Hier auf dem Bahnhof ist eine schöne Wanne! Vielleicht kann ich Sonntag kommen. Ich sitze mit meinen Zähnen wieder so zu. Oben und unten habe ich eine Zahnfleischentzündung, was sehr schmerzhaft ist. Es kommt von dem alten, harten Brot. Zum Teil war es schon verschimmelt. Hoffentlich bekommen wir bald frisches. Das Schwarzbrot ist eine Qual für mich.
18. Juni 1944: Staßfurt-Leopoldshall
Heute will ich ins Kino: »Feuerzangen-Bowle« mit Heinz Rühmann. Mein Kamerad Hermann Segelken geht mit. (Ein Geschäftsmann aus der Gegend von Bremen)
21. Juni 1944: Isernhagen
Der heutige Tag ist unter dem Gedröhn der Geschütze und Gebrumm der Flieger zuendegegangen. Es war mal wieder alles dran. Heute wurden wir eingeteilt. Wir mußten beim Bauern arbeiten. Ich habe mit noch einem Kameraden Rüben ziehen müssen. Dabei rutscht man auf den Knien übers Feld und zieht die Rüben. Bis auf die kräftigste, die bleibt stehen. Ich sage Dir, ich spüre meine Knie und meine linke Hand … aber das Essen war prima, vor allem die Vollmilch.
Ab heute ist ja totale Urlaubssperre.
22. Juni 1944: Hannover
Wir haben hier aufgerüstet und fahren heute Nacht in Richtung Warschau. Gott sei Dank. In Isernhagen immer still liegen, ist nichts für mich.
Es war drollig heute Mittag: wir arbeiteten alle auf dem Felde, so 1 - 2 km vom Zug entfernt, da sehen wir, daß eine Lokomotive vor unserem Zug steht und immer pfeift tu tu tu … tu tu tu … ! Da hättest Du uns mal laufen sehen sollen! Aus allen Ecken kamen die Landser angeflitzt. Es sah aus, als wollten wir den Zug stürmen. Als alle da waren, ging es auch schon ab.
24. Juni 1944: Ostrow
… eben haben wir Warschau wieder hinter uns. Um 15 Uhr sind wir aus Ostrow gefahren. Meine »Kinder« schnarchen, soweit es ihre Schmerzen zulassen. Es ist zum Teil mal wieder alles dran! … Auch diese Fahrt wird zuende gehen. Wie ich hörte, fahren wir in das Thüringer Land.
Wir hoffen alle, daß der Krieg sich in diesem Jahr entscheidet. Der Tommy soll in Hamburg wieder Bomben geworfen haben? Bitte, schreib' mir davon.
27. Juni 1944: Arnstadt
Heute kam unser Postholer aus Berlin zurück. Leider standen ein Kamerad und ich mit leeren Händen! Unsere Post ist in Berlin beim Angriff verbrannt. Und ich hatte mich schon so auf Post von Euch gefreut, ach, ich möchte so viel wissen! Haltet Eure Gasmasken gut in Ordnung!
29. Juni 1944: Arnstadt
… im Wagen haben wir 40 Grad! Eine Hitze! Man fängt langsam an, sich aufzulösen. Meine Butter kann ich mit einem Pinsel aufstreichen. Es ist eine himmlische Ruhe. Alles ist in die Stadt gegangen. Ich hatte keine Lust. Heute habe ich die letzte Fleckfieberimpfung bekommen. Einer meiner Kameraden ist dabei aus den Latschen gekippt! Ich bin, bis ein wenig Schmerzen in der Brust, ganz gut zuwege.
Ich habe hier in Arnstadt an einem Haus, »Zu den Bachzimmern« gelesen. Hier sollen die Eltern oder Verwandte gewohnt haben. Johann Sebastian Bach soll hier auch einige Sachen geschrieben haben.
1. Juli 1944: Arnstadt
… am Freitag habe ich die Oper »Martha« v. Flotow gehört und gesehen. Es war ein wirklicher Genuß. Ein Gastspiel des Landestheaters Rudolfstadt. Heute wurden meine Militärpapiere geändert. Beruf: Schriftsteller und Bühnenleiter. Ach ja, Bühnenleiter. Ob ich meine Bühne wohl wieder in Gang bekomme? Wenn ich an die herrlichen Kostüme in »Martha« denke, möchte ich heulen. … Nur nach Hause! Dann läuft sich alles wohl zurecht. (siehe Gedicht »Zuversicht«)
3. Juli 1944: Bautzen
Wir stehen mit dem Zug auf dem Bahnhof in Bautzen. Gleich geht es weiter Richtung Görlitz. Es ist eine enorme Hitze im Wagen. Wie ich höre, bleiben wir noch 2-3 Tage abgestellt.
Gestern war ich in der »Johann-Sebastian-Bach Kirche«. Habe ein Kirchenkonzert auf der neuen Bachorgel gehört. Bach war in Arnstadt Organist.
Morgen Abend sind wir, wenn alles gut geht, am Ziel (Radom, zwischen Warschau und Lemberg). Mittwoch laden, Freitag/Sonnabend zurück. Dann werde ich wohl auch von Dir, mein Liebes, Post haben und von den Kindern. Es sind dann auch schon wieder 5 Wochen her, in denen ich ohne Nachricht von Euch bin. Naja, man muß sich verdammt zusammenreißen, um nicht weich zu werden. Ich hoffe ja, daß meine Post gut überkommt. Ich schreibe jeden Tag.
7. Juli 1944: Schwerin
Ich hab mal wieder meine Tour! Es ist schon am besten, man hat den Wagen voll Elend und Jammer, darüber vergißt man denn seinen eigenen Kummer. - Nun komme ich wieder zur Ruhe und schon sind die Gedanken wieder da. Ich könnte ja »schreiben«, ich kann nicht, mir fehlt etwas …
Erst wollte ich von hier telefonieren, aber ich weiß nicht wohin.
9. Juli 1944: Königsberg
… meine Steuererklärung werde ich unterschreiben und Anneliese kann sie dann ausfüllen. Laut Kassabuch bis 24.7.43 (unsere Ausbombung). Ab da ruht mein Beruf.
16. Juli 1944: Warschau
Die Nacht und den ganzen Tag sind wir gefahren und liegen jetzt in Warschau auf dem Ostbahnhof. Es soll geladen werden, kann aber auch noch 2 - 5 Tage dauern, denn hier steht Lazarettzug an Lazarettzug Mein Gesicht ist wieder ganz normal, die Schmerzen lassen auch nach … soeben eine schwere Schießerei. Das soll hier in Warschau an der Tagesordnung sein. (siehe Gedicht »Mit Windeseile«)
18. Juli 1944: Bialystock
… hier ist es sehr mulmig und wir sind froh, wenn wir erst wieder aus dieser Ecke heraus sind. Aber nur keine Angst! Ich habe ja etwas von Dir, mein Liebes, bei mir!
Ich hatte in den letzten Tagen sehr unter Kopfschmerzen zu leiden. Ich glaube, es kommt vom Magen oder wird auch mit den Nerven zu tun haben.
Hier erlebt man allerhand Tragödien unter den Flüchtlingen. Eine Frau, eine Deutsche aus Bialystock, lief hier gestern abend herum und suchte ihre Kinder. Die waren, während sie etwas geschlafen hatte, aus dem Zug gestiegen (6 und 7 Jahre alt). Der Zug hatte auf offener Strecke gehalten. Nun mußte sie wieder zurück nach Bialystock.
Im Radio hörte ich auch wieder von Kampfverbänden über Schleswig-Holstein. Zu dumm, daß Ihr kein Radio habt.
20. Juli 1944: Warschau
Mein liebes Herz, liebe Kinder!
Es ist 4 Uhr morgens, habe noch kein Auge zugehabt. Seit Montag weder Stiefel noch Zeug vom Leib gekriegt. Es war wohl meine schwerste Fahrt bisher. Tragödien habe ich erlebt in Bialystock! Wir waren der letzte Zug, der abfuhr. Die Verwundeten frisch von der Front, aber wir haben sie alle herausbekommen, und das war uns das Wichtigste.
21. Juli 1944: Ostrewa
Wieder haben wir 24 Stunden hinter uns und fahren soeben über die deutsche Grenze in Richtung Nürnberg.
In Bialystock sollte ich doch den Freund von Hans St. grüßen! Stell Dir vor, auf dem anderen Gleis standen drei und verluden ihre letzte Habe. Da war einer platt, als ich vor ihm stand und in letzter Minute noch einen Gruß aus Altona bestellte! Er hat sich dann noch sehr erkenntlich gezeigt, weil ich 2 Schlaraffia-Matratzen für ihn mit nach Deutschland nahm. Er wußte nicht, wie er die fortbekommen sollte, denn seine Frau mußte in 2 Stunden die Stadt verlassen haben. Meine Kameraden haben schnell mit angefaßt, die Sachen zu verstauen. Ich konnte nachher jedem vom ganzen Zug noch 60 Zigaretten geben. Ich selbst habe noch welche über behalten, die ich Dir zuschicke. Bitte, trocken aufbewahren! Für Marga zum Geburtstag schicke ich noch ein kleines Päckchen. Ich weiß ja nicht, wann ich wieder nach Hause komme. Was Du in dem anderen Päckchen findest, ist für Dich zum Geburtstag. Es ist ja nicht viel, aber Du wirst Dich bestimmt freuen. Kauft auf Eure Raucherkarten lieber Tabak, damit komme ich weiter.
Ich habe schon wieder eine Kieferentzündung! Es ist zum Heulen. Wegen meiner Kopfschmerzen war ich beim O.Arzt. Er meinte, es liegt an den Augen. Ich soll zum Augenspezialisten! Ich bin gespannt.
22. Juli 1944: Nürnberg
Eben haben wir einige von den Verwundeten ausgeladen. Der Zug fährt schon wieder, Richtung Würzburg. Gott sei Dank neigt die Fahrt sich ihrem Ende. Seit 4 Tagen sind wir ununterbrochen auf Fahrt. Und was für eine Fahrt! Gestern Abend bin ich buchstäblich umgefallen und schlief. Ich habe nichts mehr gehört. Nach ca. 5 Stunden mußte ich wieder hoch, die Verantwortung rief, denn wir haben nur allerschwerste Fälle. Meinen, am schwersten Verwundeten habe ich eben ausgeladen. Ein junger Panzerfahrer. Im Panzer verbrannt. Volltreffer im Benzintank! Er mußte wie ein kleines Kind gefüttert werden … mir fallen schon wieder die Augen zu. (siehe Gedicht »De Dood«)
23. Juli 1944: Bad Merkentheim
Nun will ich Dir mal wieder in aller Ruhe einen Brief schreiben. Wie Du aus dem Absender ersiehst, sind wir in Bad Merkth. gelandet. Heute ist Sonntag und ich bin U.v.D. Es ist sehr still um mich. Fast alles ist ausgeflogen, ins Kino oder zum Kurkonzert. Wäre ich auch ganz gerne hingegangen.
Liebes, vor einem Jahr verloren wir alles! Aber, sei nicht traurig, wir haben uns ja. Ihr hättet leicht in diesem Jahr noch mehr verlieren können! Glaub mir, ich bin froh, daß wir wieder in Deutschland sind. Heute tobt um Bialystock und Lemberg der Kampf. Hier in Bad N., es liegt zwischen Würzburg und Heilbronn, atmet alles Frieden und Erholung. Wenn ich links aus dem Fenster sehe, liegt die Stadt vor mir, und rechts die Weinberge. Hier möchte ich schon einmal 8-14 Tage bleiben! Aber wahrscheinlich geht es morgen, wenn nicht schon heute, nach Würzburg weiter. Da bleiben wir 2-3 Tage liegen, zum Auffrischen. Wohin wir dann fahren, steht noch nicht fest. Es bleibt sich ja auch gleich. Wir Hamburger hoffen nur, recht bald mal wieder nach Hamburg zu kommen. Morgen bekommen wir auch wieder Post, darauf freue ich mich schon …
Heute gab es Hühnersuppe und Schokoladenpudding! Gerne würde ich darauf verzichten, wenn ich wieder bei Dir … ich werde müde, oder alt. Soeben spielen sie hier im Radio: »Im Leben geht alles vorüber«. Ja, da wollen wir uns auch man mit abfinden. Was hat man denn schon groß vom Leben gehabt? Hoffen wir, daß der Krieg bald zuende geht und wir wieder von vorn anfangen können. Hoffentlich haben wir dann noch ein paar Jahre für uns, Mutti. (siehe Gedicht »Vör'n Joor«)
26. Juli 1944: Im Lazarett Nürnberg
Ihr seid wohl der Meinung, ich wäre auf der Fahrt Richtung Osten. Leider mußte ich in Nürnberg ausgeladen werden »Diphterie«!. Das Resultat ist noch nicht heraus. Ich hoffe, es ist eine Angina. Ich liege hier in Nürnberg Reserve-Laz. 3 Gefr. Joh.Johannsen, Isolier-Abt.
Ich kann Euch sagen, ich hab eine Wut im Bauch! Das hatte mir gerade noch gefehlt: schön still liegen! Heute nacht hatten wir Alarm. Ich wurde in den Luftschutzkeller getragen! Das kam mir zu komisch vor. Ich hatte über 40 Fieber. Heute ist das Fieber auf 38 runter. Außer Halsschmerzen, bin ich ganz gut auf Draht. 14 Tage bis 3 Wochen werde ich hier wohl bleiben müssen. Ich liege in einem schönen 6-Betten Zimmer, aber 2 Betten sind nur belegt. Wenn ich nach draußen schaue, sehe ich in einen herrlichen Park. Essen, Trinken und Behandlung ist sehr gut. Also, macht Euch bitte keine Sorgen um mich. Ich bin hier gut aufgehoben. Passieren kann auch nichts, denn ich habe noch im Zug gleich ein Serum gespritzt bekommen. Kurz bevor ich abgeholt wurde, bekam ich noch Eure Post.
27. Juli 1944: Im Lazarett Nürnberg
Ich habe ja so viel Zeit zum Schreiben, aber es geht nicht gut hier im Bett. Ich muß noch immer liegen, wegen meines Herzens … nun komme nicht auf den Gedanken, hierher zu fahren! … Ich gebe Euch sofort Nachricht, wenn es mir noch besser geht … Hiernach werde ich wohl 8-l0 Tage Erholungsurlaub bekommen. Freuen wir uns darauf.
Ich bin so im Galopp aus dem Zug gekommen, daß ich fast nichts mitbekommen habe. Meine Privatsachen nimmt Hauptfeldwebel Brand an sich, bis ich wieder am Zug bin.
Ihr hättet die betrübten Gesichter sehen sollen, als ich abgeholt wurde! Aus jedem Fenster schaute einer und winkte. Es durfte ja keiner zu mir. Wenn auch der eine oder andere sich schnell noch zu mir stahl, um mir die Hand zu drücken. Schwaiger, Rieck, Hauptfeldwebel und Unteroffizier. Wenn ich ehrlich sein will, mir war zum Heulen zumute. Ach was, erledigt, man muß auch mal eine schwierige Lage meistern können. Und verlaßt Euch drauf, ich meistere sie … auch später!
Ich liege hier, Kopfhörer um und höre die herrlichste Musik. Uwe, eben ein Klavierkonzert von Joh.-Seb.Bach, Ich glaube, Du hast es mir schon mal vorgespielt. Rolfi, was machen Deine Kaninchen? Bekommst Du sie schön fett? Ich möchte mal ordentlich reinhauen können. Ich wiege nur noch 126 Pfund.
30. Juli 1944: Im Lazarett Nürnberg
… ich hoffe ja auch stark, morgen oder übermorgen von Euch Post zu bekommen! Sonst springe ich aus dem Bett! Die Schwestern haben es sowieso schwer, mich im Bett zu halten. Ich bin sehr zusammengefallen. Heute wog ich nur noch 61 Kg. Ist wohl bisher mein niedrigstes Gewicht.
Falls ich nach meiner Genesung noch Urlaub bekomme, hab ich doch ein wenig Grauen vor der langen Bahnfahrt nach Hamburg. Man fühlt sich ja doch noch nicht so recht … und wenn man dann die ganze Tour stehen muß. In meinem Hals spüre ich fast nichts mehr, Bazillen habe ich auch keine mehr. Nun bekomme ich am Dienstag den letzten Abstrich, wenn der auch gut ist …
Du Mutti, eben bin ich heimlich in die Toilette gegangen und habe eine Zigarette geraucht! Ach, so eine heimliche Zigarette schmeckt zu schön. Ich hab jetzt Zigaretten genug, könnte rauchen und darf es nicht, gemein!
2. August 1944: Im Lazarett Nürnberg
Mein liebes Herz!
Heute bekam ich Deinen lieben Brief vom 31.7. und ich liege hier schon 9 Tage. Es ist eine langweilige Geschichte. Ich hatte 2 Nächte kein Auge zu bekommen, erst heute über Tag hab ich mal geschlafen. Ich bin doch mit einem Serum für Diphtherie geimpft. Das hat der Körper nicht angenommen und stößt es durch das Blut wieder ab. Es wirkt sich so aus, als wenn man sich nackend in einen Brennesselhaufen wirft! Qualen sag ich Dir! Die 1. Nacht mußte der Arzt kommen und mir 2 Spritzen geben. Alles war bei mir geschwollen, vom Kopf bis zu den Füßen, und es dauerte 4 Tage. Ab heute kann ich es aushalten. Ich habe im Bett gelegen und geweint vor Schmerzen! Die Schwester war rührend um mich besorgt und brachte mir Linderung, wo sie konnte.
5. August 1944: Im Lazarett Nürnberg
Soeben war der Arzt hier und sagte mir, daß ich am Dienstag fahren kann … (siehe Gedicht »Fever«) (siehe Gedicht »Plattdüütsch«)
26. August 1944: Friedenau b. Dresden
… nun zu meiner 1. Fahrt wieder. Um 9 Uhr fingen wir an zu laden. Ich bekam Kinder von 1-7 Jahren. War das ein Leben! Zuerst mußte ich die Mütter rausschmeißen. Dann ging die Brüllerei los. Es dauerte lange, bis wir, die Schwester und ich, die Kleinen beruhigt hatten. Zweimal mußten wir auch noch einen Alarm über uns ergehen lassen. Da heißt es, die Nerven behalten! Nachts lösten die Kleinen sich im Schreien ab. Und dann die Hitze! War das fürchterlich! Nachts um 1 Uhr kippte die Schwester um, sie konnte nicht mehr. Um 4 Uhr hat sie mich abgelöst! Da war ich fertig. Ein Junge von 5 Jahren hat sich nicht weniger als 5 x total beschmutzt. In Teblitz - Schönau haben wir sie ausgeladen. Wir sind dann bis Friedenau weitergefahren …
2. September 1944: Halberstadt
… wir haben Lokomotivwechsel … es geht schon weiter. Gestern haben wir den Rest in Bad Harzburg ausgeladen. … abends haben Schwaiger und ich uns die Stadt angesehen … man darf nicht zum Grübeln kommen, immer fahren, das ist das Beste. Ich bin froh, daß ich hier am Zug bin … wenn ich an die Kameraden im Osten und im Westen denke … (siehe Gedicht »Früher Tod«)
4. September 1944: Dargen (Insel Usedom)
Wir liegen hier auf der Insel vor Swinemünde und warten auf unseren Einsatz, der jeden Augenblick kommen kann. Das ganze Dorf Dargen besteht eigentlich nur aus einem Haus, und das ist der Bahnhof. Aber schön ist das Haff und die Ostsee. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur weiße Wogenkämme, so stürmt es, und kalt kommt es von der See. Ich habe heute in meinem Wagen eingeheizt und hab es hier schön mollig.
Aus unserem Zug sollen 5 Mann, also 5 Sani und 1 Koch weg, zur Front! Wer es sein wird, ist noch das große Rätselraten. Ich muß schon sagen, ich bleibe lieber am Zug, aber wenn das Schicksal es will …
6. September 1944: Pasewalk
Heute Nachmittag haben wir geladen. Schön war die frische Seeluft, der »Robert« ist doch ein schöner Dampfer. Weißt Du noch, wie er im Glanz seiner Lichter in Hamburg an der Pier lag? … Ich habe meine Kinder nun zur Ruhe gebracht, solange es dauert. Sie sind alle sehr mitgenommen, denn sie haben eine böse Fahrt hinter sich. Sturm und Angriffe. Wir fahren wahrscheinlich Richtung Halle.
Ich hab Heimweh! … es wird sich schon wieder geben. Morgen oder übermorgen bekommen wir ja auch wieder Post, und das ist immer ein Festtag. (siehe Gedicht »Mien Hand«) (siehe Gedicht »Heimot«)
10. September 1944: Grevenbroich
Einen wunderschönen Sonntagmorgen, meine Lieben! Ja, es wäre wunderschön, wenn die Sonne nicht so blutrot am Himmel stände, genau wie vor einem Jahr beim Angriff auf Hamburg.
Wir liegen hier zwischen Düsseldorf und Köln und können fürs erste nicht weiter. Es war heute Nacht mal wieder alles dran … und dann im Wagen fast nur Amputierte, zum Teil vor 1- 2 Tagen verwundet. Einige sind noch ganz apathisch von den Strapazen und dem Kampf. Es sind zu 80 % Rheinländer, Kölner und Düsseldorfer Jungs.
Gestern hatten wir 18 x Alarm! Wir sind froh, wenn wir aus diesem Hexenkessel wieder heraus sind.
In M'gladbach muß es bös reingehauen haben, denn eine schwarze Wand steht seit Stunden vor uns!
Ich habe Kopfschmerzen zum verrückt werden. Hab heute Nacht kein Auge zugehabt. … Eben fahren wir durch Bonn. … Vor mir liegt der Drachenfels. Eine Burgruine neben der anderen … wir halten gerade am Rolandseck. Wir wollen nach Koblenz und zuladen.
… soeben fahren wir an der Loreley und am Mäuseturm vorbei …
11. September 1944: Schweinfurt
Gerade kommen wir durch das fast zerstörte Schweinfurt. Ein Jammer, unsere schönen, alten Städte! 3 Stunden haben wir wegen der Flieger, die über uns hinwegbrausten, vor der Stadt gelegen. Gestern Abend, als wir aus Koblenz kamen, waren die Tiefflieger über uns. Gott sei Dank ist alles gutgegangen.
Ich habe in Bamberg eine Notausladung! Den hab ich verbunden … ich konnte nicht zu Mittag essen! Auch diese Fahrt geht zuende.
Uwe ist nun 4 Wochen auch schon Soldat. Ob er schon aus der Kaserne darf? Wie ist es mit Deiner Arbeiterei. Ich hoffe, Du bist noch im Hause. Du hast doch bestimmt genug zu tun. Ach Mutti, ich möchte fast glauben, daß in diesem Jahr die Entscheidung fallen wird, so oder so. Nur nach Hause, immer dableiben, kein Alarm mehr! Zu schön. Jaja, ich fange schon wieder an zu spinnen.
13. September 1944: Klotsche b.Dresden
Du willst von mir wissen, wo es am schönsten ist oder war in Deutschland. Ulzburg? Nein, keine Angst, das muß erst noch entdeckt werden. Am schönsten war es in Altona, Turnstr. 35, 1.links. Hab ich recht? Unter solchen Bedingungen verzichte ich auch, in Ulzburg zu wohnen.
Also 11 ¾ Stunden sollst Du arbeiten? Ausgeschlossen, das kannst Du, darfst Du nicht. Ich hoffe, bald mal nach Hause zu kommen. Wenn der Amerikaner in dem Tempo weitermacht, wohl sowieso … Wir wollen den Kopf noch nicht hängen lassen. Ich glaube, es kommt noch etwas . . . . .
15. September 1944: Mainz
Ich will Dir schnell noch ein paar Zeilen schreiben, denn ich weiß nicht, ob ich morgen oder übermorgen Zeit dazu habe.
Also, wir halten vor Mainz und haben eine schöne Fahrt hinter uns, entlang dem Main und der Saale. Wenn man dazwischen die zerstörten Städte sieht, möchte man weinen. So auch hier, Trümmer, nichts als Trümmer. Immer wieder sagen wir uns, wie soll das enden? Der Tommy steht doch vor unserer Tür. Ich glaube ja bestimmt, daß der Führer noch ein Mittel in Händen hat. Wie steht es bei Euch mit Angriffen? Wir rutschen hier von einem Alarm in den anderen.
16. September 1944: Kaiserslautern
Wir haben geladen. Frisch Verwundete. Gestern und vorgestern bei Metz verwundet. Ich habe 35 Mann in meinem Wagen, darunter 2 verwundete Amerikaner. Der eine hat eine Gesichtsverbrennung 2. - 4. Grades, der andere 6 Granatsplitter im Körper.
Heute Nacht muß ich auf dem Fußboden schlafen, falls ich mich überhaupt hinlegen kann. Es ist so egal, ich muß ja manche Nacht wachen. Ach, wie will ich schlafen, wenn ich nach Hause komme.
Heute wurden wir von 6 Flugzeugen ganz tief angeflogen. Als sie sahen, es war ein Lazarettzug, haben sie von uns abgelassen … (Lazarettzüge hatten ein rotes Kreuz oben drauf)
25. September 1944: St. Arwens (Westmark)
Wir sind schon beim Beladen der ersten Wagen. Es ist 22 Uhr. Alles geht geheimnisvoll vor sich, im Dunkeln. In der Ferne sehen wir das Aufblitzen der Geschütze. Über uns brausen die feindlichen Flieger. Es ist eine verzwickte Situation. Wir laden hier vom Feldlazarett. Alles Leute, die gestern und heute verwundet wurden. Das wird wieder eine Porzellanfahrt! Körperlich bewältigt man es schon, aber die Nerven. Wenn man solch Haufen Elend vor sich liegen hat, heißt es die Zähne zusammenbeißen.
Ach Mutti, wir würden ja alles gerne in Kauf nehmen, wenn wir wüßten, daß es auch mal wieder nach Hause ginge. Ich habe dem Spieß 50 Zigaretten versprochen, wenn er es fertig bringen würde, daß wir auch mal wieder nach Hamburg kommen. Er will alles versuchen. Ich muß mal sehen, wo ich diesen Brief einstecke. Hier ist es zwecklos.
Also, bleibt alle gesund und seid herzlich gegrüßt und viele Male geküßt von Eurem Pa. Ach, ich hab' Euch so doll lieb!
12. Oktober 1944: Leipzig
… um 1 Uhr 30 ging ich ins Bett, um 3 Uhr Fliegeralarm, bis 4 Uhr. Alles ging in den Bunker. Ich, als U.v.D. mußte am Zug bleiben. Sie flogen aber nur über uns weg …
Heute haben wir einen Spaziergang nach dem Völkerschlachtdenkmal gemacht. Die Parks im Herbstschmuck. Es war wunderschön. Siehe mein kl. Gedicht! Wie findest Du es?
Das Denkmal wiegt 6 Millionen Zentner / 15 Jahre Bauzeit. Wir fahren schon wieder in einem fürchterlichen Tempo durch die Nacht. Ich kann kaum schreiben. (siehe Gedicht »Herbst«)
15. Oktober 1944: Köslin
Wir sind mal wieder im Osten, Richtung Warschau gelandet. Müssen heute Nacht Doppelposten um den Zug gehen. Liegen hier still, mitten im Wald. Ihr könnt' Euch wohl denken, was es für eine Gegend ist. (siehe Gedicht »Die Gräber von Soldau«)
17. Oktober 1944: Cottbus
… Gestern haben wir den ganzen Tag geladen. Von 9 - 20 Uhr und was für Fälle! Heute Mittag konnte ich buchstäblich vor Ekel nichts essen, und das will bei mir schon etwas sagen. Heute Nachmittag mußte ich mich hinlegen, ich hatte schwere Migräne. Als alles nicht half, haben sie mir eine Tasse starken Bohnenkaffee gekocht. Mir wurde gegen Abend besser.
Wir werden wohl in Thüringen ausladen.
O Mutti, wäre dieses ganze Elend doch erst vorbei! Wie schön muß es sein, immer im Haus zu sein, bei Dir und den Kindern …
23. Oktober 1944: Marienheide
Ich schreibe diesen Brief im schönsten Alarm! Wir stehen mit unserem Zug in einer Schlucht. Es ist 20 Uhr. Über uns brummen die Verbände und laden ihre Last über Köln und Richtung Wuppertal - Düsseldorf ab. Morgen um 11 Uhr laden wir Zivil in Marienheide. Fahren dann morgen Abend (wir dürfen nur nachts fahren im Bezirk Halle). Ich werde wohl wieder Kinder in den Wagen bekommen. Hoffentlich sind es nicht so schwere Fälle.
Hier am Zug sollen noch 2 Mann ausgetauscht werden. Der Oberstabsarzt hat 2 Mann mitgebracht. Dafür müssen nun 2 Mann auf den »Klamottenzug«, das ist ein Behelfskrankenzug, umgearbeitete Güterwagen. Woll'n mal abwarten.
Sind die Bilder gut geworden? Wie steht es eigentlich mit Deinem Fuß? Ist er wieder in Ordnung?
1. November 1944: Karlsbad
Mein Lieb!
Erschüttert halte ich die Todesanzeigen von den mir bekannten Kameraden in Händen. Es ist einfach nicht zu glauben. Frau B. bleibt auch nichts erspart … Ich bitte Euch inbrünstig, seid vorsichtig! Auch Ihr, Marga und Annelie! Es genügt doch, daß wir Männer unser Leben einsetzen.
In Hamburg muß es ja schlimm sein. Schreibe mir doch bitte mal, wo es getroffen hat.
Wir haben heute in Marienbad und Karlsbad ausgeladen.
4. November 1944: Richtung Köln
Seit gestern rollen wir nun schon gen Westen, Bez.Köln. Durch schöne Gegenden sind wir gefahren und werden wohl morgen Mittag erst am Ziel sein. Hoffentlich wird der Transport nicht so furchtbar schwer! … Ich bin sehr erkältet. Der Oberarzt hat mich in Behandlung genommen. Die Blase hab ich auch erkältet. Wenn man so etwas hat, dann möchte man gerne im Haus sein. Aber was nicht geht, geht nicht. Wollen froh sein, wenn wir alle diesen Krieg heil überstehen und nachher wieder zusammen sind.
6. November 1944: Kempen
Liebes,
nun sollst Du erstmal wieder einen Brief von mir haben. Immer hatte ich gehofft, einen Brief von Dir zu bekommen, aber Segelken ist seit 5 Tagen unterwegs. Wir wissen nicht, wo er mit dem Postsack steckt, den er von Berlin holen sollte… Wir haben hier einen Daueralarm. Einige Flieger sind immer über uns. Soeben fliegen unheimliche Massen ein, bis 4oo hatten wir gezählt!
Heute wurde auch ein Verband über Hamburg gemeldet. War es schlimm?
Eben höre ich, daß wir morgen in Düsseldorf und Krefeld Zivil laden. Wenn Du Düsseldorf sehen würdest, zum Weinen! Nur Trümmer! Nur am Bahnhof steht ein großes, schönes Gebäude (Rheinbahn-Haus) … Flieger kommen! … Eben wurden wir von Tieffliegern angegriffen, ist aber Gott sei Dank nichts passiert …
Soeben kommt unser Postholer zur Tür herein! Er ist von einem Angriff in den anderen gefahren …
Die Front ist schon wieder in einer Aufregung! Alles hell erleuchtet! Kilometerweit kann man Zeitung lesen. Es dröhnt und wummert, die Scheiben klirren bei jedem Abschuß. Was meinst, wenn »er« hier mal durchbricht?? Dann aber bis nach dem Krieg »Aufwiedersehen« …
9. November 1944: Gera
Heute bin ich zum Obergefreiten befördert worden! Hatten daraufhin einen Kameradschaftsabend. Alles blau, nur Dein Männe nüchtern. Mir hängt es zum Halse heraus, ich versuche die letzten Kameraden (es ist 2 Uhr) ins Bett zu kriegen, denn ich bin heute U.v.D.
Es ist zu schade, daß in Neumünster soviel kaputt ist. Wir hatten wieder allerhand Reparaturen, die jetzt hier erledigt werden. Ich wäre doch so gern mal nach Haus gekommen … Wir sind froh, erstmal aus dem Hexenkessel heraus zu sein. Mit Worten läßt es sich kaum beschreiben.
Ich hoffe, auch von Marga Post zu bekommen. Bin doch so gespannt, was für ein Handwerk sie ergriffen hat!
15. November 1944: Danzig
… ja ja, Mutti, Dein Männe ist immer noch derselbe und doch, ich weiß nicht, in mir reift auch etwas. Ich merke es durch das Erleben. Hier schöpfe ich die Kraft zu neuem Schaffen. Es ist alles abgerundeter, gereifter. Hast Du wohl auch schon an meinen kleinen Gedichten gemerkt.
19. November 1944: Saspe b. Danzig
Du wirst auch denken, na, der Alte kommt nicht mehr. Keine Angst, er kommt! Wir wissen sogar schon, wo wir ausladen - in Schleswig-Holstein. Und abgestellt werden wir nicht in Langenfelde, sondern in Ahrensburg!
Heute ist Sonntag. Alles ist zur Stadtbesichtigung gegangen. Ich habe gebeten, hierbleiben zu dürfen, um zu schreiben. Habe keine Lust, wie solche Herde durch die Stadt geführt zu werden. Den ganzen Nachmittag hab ich an einer Sache geschrieben.
Die letzten 8 Tage hatte ich keinen Fuß vom Zug gesetzt. Bis gestern nachmittag, da kam der Spieß und sagte, ich müßte mit ihm nach Danzig, was holen. Na, wir ja los. In Danzig bleibt er auf einmal vor einem Kino stehen und sagt: So, nun wollen wir beide mal schön ins Kino gehen! Karten hatte er schon. Ich war platt … einem so vom Zug zu locken … ! Aber es war für mich doch mal eine Entspannung. Hatte in den letzten Tagen oft Kopfschmerzen. Schau mal, Liebes, nach unserem Unglück habe ich 1 1/2 Jahre nichts geschrieben und nun finde ich durch dieses Erleben plötzlich wieder Kraft zum Schaffen. Ich freue mich, daß ich wieder so schreiben kann wie früher.
Hier, wo wir stehen, ist eine himmlische Ruhe. Keine Flieger, kein Alarm, nur Ruhe und Frieden. Die letzten Fahrten waren aber auch furchtbar. Es war, als wenn wir aus der Hölle kamen … aber das liegt ja, Gott sei Dank, weit zurück!
24. November 1944: Saspe b.Danzig
Wieder haben wir eine Fahrt beendet und wir stehen wieder in Saspe, warten auf unseren Dampfer und auf unsere Fahrt, die nach Hamburg gehen soll. Übrigens, wir sollen nicht in Ahrensburg, sondern in Pinneberg abgestellt werden.
Eben habe ich einen Teller voll Bratkartoffeln und eine Frikadelle verdrückt. Unser Koch ist ein Zauberer in seinem Fach. Er zeigte uns beim Kartoffelschälen so ca. 1 Pfund Hack. Davon hat er 30 Frikadellen gemacht! 5 Stück wogen 1 Pfund! Ich war platt, aber von Fleisch hab ich auch nichts geschmeckt. Ich hab ihn den »Frikadellenkönig« aus Barmstedt genannt. Er kommt aus Barmstedt. Es ist unser Schack.
Heute Mittag gab es Schellfisch. Ich hatte um einen Kopf gebeten. Stell Dir vor, da hatten sie mir l0 allmächtige Köpfe gekocht! In einer großen Schüssel wurden sie reingetragen. Wir essen immer gemeinsam an einer langen Tafel. Als ich so dabei war, die Fischaugen auszulutschen, fingen doch einige an, recht hoch zu kauen. Die wurden merkwürdig schnell satt! Du kennst mich ja, ich hab mich mal so richtig an Fisch satt gegessen. Gelacht haben wir, es gab süße Suppe hinterher. Einige waren denn da, die mich hochnehmen wollten! Da hab ich schnell so ein Schellfischauge gegessen und dann einen Löffel voll von der süßen Suppe! Und hab gesagt, das müßten sie mal probieren! Da waren auch die Letzten satt!
Wenn Du in meinen Wagen kommst, meinst Du, im Krankenhaus zu sein. Ich konnte den Blut- und Eitergeruch nicht mehr herausbekommen. Jetzt hab ich mit einer Chrysolseifenlösung gefeudelt. Ich hatte schwere Fälle im Wagen. Am schlimmsten sind die Kopfschüsse.
26. November 1944: Stettin
… so, Tage hast Du gewartet, sogar Abende … na warte, ich bin vielleicht schneller dort, als Du denkst …
Daß mein Herr Sohn nebst Frl. Tochter die Tradition ihres Vaters fortsetzen wollen, halte ich für eine bestehende Sache. Wer ein guter Schauspieler werden will, muß früh anfangen und lernen und noch mal lernen. Also, weiter so, mein Sohn! Daß Ihr Radio habt, ist ja prima.
Wir sind auf Fahrt nach Swinemünde. Wann wir dort laden ist noch ungewiß.
7. Dezember 1944: Cloppenburg/Olbg.
Herzliche Grüße vom Lazarettzug! Der Regen rauscht aufs Dach! Alles grau in grau, auch unsere Stimmung! Na, freuen wir uns auf das Weihnachtsfest.
8. Dezember 1944: Gronau
Wir hatten gerade den letzten Mann eingeladen und ausgerechnet der schmeißt mir meine große Glasscheibe, die ich in meiner Ecke über dem ganzen Tisch liegen hatte, durch seine Ungeschicklichkeit kaputt. Ich war so stolz darauf und konnte die Ecke immer so schön sauber halten.
Es ist gerade 5 Uhr, hab noch nicht geschlafen. Du wirst wohl gerade aufstehen, damit Marga weg kann.
Wir fahren gleich nach Holland und laden dort den Rest. Von dort geht es in den Bezirk Frankfurt/Oder. Es sind nicht so schwere Fälle. Die Flieger … die Biester.
8. Dezember 1944: St. Arnhof
Obgleich ich eben erst einen Brief … wir liegen hier schon seit l0 Uhr, es ist jetzt 14 Uhr, und kommen wegen der Tiefflieger nicht weiter. Hinter uns steht ein Transportzug. In dem haben sie eben 2 Soldaten erschossen. Die Bande flog mit l0 - 12 Flugzeugen zugleich an und setzte eine Bombe vor unseren Zug und 2 dahinter! Nun müssen wir warten, bis die Strecke wieder frei ist. Ich wollte, wir wären aus diesem Loch erst wieder heraus.
… eben wieder einen Angriff gehabt, eine Lok zerschossen, direkt bei uns. Ich hab auf dem Bauch gelegen … Gott sei Dank, wir fahren. Es ist 15 Uhr l0. 6o Mann müssen wir noch laden. Hoffentlich geht alles glatt.
Ich schreibe diesen Brief zuende, wenn wir auf Fahrt sind. 21 Uhr 45, wir fahren weiter. Wir hatten auch noch ein Erlebnis: wir mußten auf freier Strecke halten, denn über uns tobte ein Luftkampf. Uns wurde doch etwas eigenartig zuwege. 2 Tommys wurden abgeschossen. Die anderen Tommys stürzten bis auf 50 m auf unseren Zug nieder! Wir wollten schon unser Testament machen, aber dann zogen sie hoch und brausten ab, haben uns nicht angegriffen …
10. Dezember 1944: Glogau
Ich habe meinen Wagen leer. Gott sei Dank, denn es war eine Fahrt mit Hindernissen. In St. Arnold mußten wir den ganzen Tag wegen der Tiefflieger auf freier Strecke liegen. Sie flogen uns immer wieder an. Vor uns, hinter uns krachten die Bomben rein. Es war ein Höllenkonzert. Im Dunkeln haben wir uns davongeschlichen. Die Fahrt ging soweit gut. Wir fuhren über Burgsteinfurt - Minden - Osnabrück - Hannover - Lehrte - Stendal - Berlin - Frankfurt/Oder - Grünberg nach Glogau. 30 km vor Berlin hatten wir Fliegeralarm. Über uns brausten sie weg und plötzlich hörten wir die Bomben niederrauschen. Als ich dachte, es wäre vorbei, da ging der Krach nicht weit von uns los. Uns flog der Dreck um die Ohren. Die Verwundeten wurden unruhig. Es dauerte eine kleine Stunde, da war der Spuk vorbei und wir konnten weiterfahren.
In Glogau bleiben wir erstmal stehen, danach geht es weiter, wohl Richtung Osten.
14. Dezember 1944: Saalfeld
Seit 24 … Stunden rollen wir wieder, und zwar in den Bezirk Karlsruhe. Eine sehr eisenhaltige Gegend … Unsere heutige Fahrt war sehr schön. Durch Sachsen - Thüringen - Oberfranken. Die verschneiten Berge, die mit Schnee behangenen Tannen, wie im Märchen.
Ich glaube nicht, daß ich am Heiligen Abend bei Euch sein werde. Es ist ja auch alles so trostlos, ich stehe da mit leeren Händen. Das ist so bitter.
15. Dezember 1944: Karlsruhe
Wir stehen mit unserem Zug hinter Karlsruhe, dicht am Rhein. Wir wollen nach Lahr. Es liegt zwischen Offenbach und Karlsruhe.
Es ist eine schaurige Nacht. Wir hören das schwere Ari.schießen vom Gegner und von uns. Die schweren Granaten orgeln in der Luft über uns. Die Flieger ziehen Richtung Mannheim … Seit ein paar Tagen sind wir Frontzug geworden! Was das heißt, kann sich wohl jeder denken. Aber nur keine Angst, es gibt Schlimmeres. Seit heute Mittag liegt Karlsruhe unter dem Feuer der Am. All die Flüchtlinge! Ein Bild wie wir es auch schon durchgemacht haben. Aber nicht drüber reden! Die Menschen, vor allem die kleinen Kinder, können einem leid tun. Nun, gerade zum Weihnachtsfest.
Ich werde mir noch eine kleine Tanne schlagen, wenn wir zurück durch den Schwarzwald fahren, und es mir hier hübsch machen. Der Spieß hat zwar gesagt, alleine wird nicht gefeiert … es soll »aufgefahren« werden, damit wir über den Abend hinwegkommen. …
Wie gefällt Dir mein kleines Weihnachtsgedicht? Links schaue ich auf die Vogesen - Watzmann, rechts auf den Schwarzwald … Ich wünsche mir ein paar Schreibfedern zu Weihnachten.
17. Dezember 1944: Lahr
Meine Lieben!
Schnell will ich Euch noch ein paar Zeilen schreiben, obgleich ich noch 2 Briefe für Euch liegen habe, die wir hier nicht loswerden können. Warum, kann ich nicht schreiben! Wir können auch keine Post von Berlin holen. Müssen hier erstmal wieder heraus. Die Gegend ist sehr schön - aber zu bewegt … wie leicht kann das ins Auge gehen! Hier ist ein Daueralarmzustand. Geladen haben wir noch nicht. Wir können da nicht richtig hin, wohin wir wollen ! Eben wurde Stuttgart schwer angegriffen. Über uns ist es furchtbar! So, Ihr Lieben, ich will mich nun ein wenig hinlegen. Es ist schon die dritte Nacht, in der wir nicht aus den Klamotten kommen. Seid alle herzlich gegrüßt.
18. Dezember 1944: Badenweiler-Mühlheim
Eben sind wir von der Schweizer Grenze abgefahren. Habe meinen Wagen beladen. Einen Schreck haben wir heute Morgen beim Beladen bekommen. Auf einmal setzt uns der Tommy ein paar schwere Brocken von seiner Artillerie vor unsere Nase. Er beschoß Mühlheim. Aber es ist alles gutgegangen und wir rollen Gott sei Dank wieder, in Richtung Offenbg. Das Geschützfeuer bleibt langsam hinter uns. Ich hab sehr schwere Fälle im Wagen. Hauptsache, wir kommen heil aus dieser Ecke. Post können wir noch nicht loswerden. Hier ist ja Kriegsgebiet. Wir haben noch keine Ahnung, wo wir ausladen werden und wo wir am Heiligen Abend sind. Uns ist das auch alles so wurscht … nur Ruhe … Ruhe und ausschlafen möchte ich. Die Uhr ist gleich 2 Uhr 50 und ich bin sooo müde.
19. Dezember 1944: Siegmaringen/Donau
Wenn Ihr diesen Brief bekommt, ist Weihnachten gewesen und wir haben alles hinter uns. Gott sei Dank! Uns hier am Zug muß der Weihnachtsmann ja vergessen, oder er kann uns nicht finden, wo wir doch, wie die Zigeuner, hin und her, kreuz und quer durch das Land fahren. Wir sind jedesmal froh, wenn wir wieder heil und gesund aus dem Schlamassel heraus sind. Das ist unser Geschenk.
Gestern und heute war es eine sehr schöne Fahrt, durch Baden und durch den Schwarzwald. Ist der schön, nur kalt, viel Schnee liegt hier. Die hohen, dunklen Tannen und die bis zu l000 m hochsteigenden Felsen! Da kommt man sich so klein und lächerlich vor. Die Ruhe! Nicht mehr das Trommelfeuer der Ari. in den Ohren, oder das Gebrumm der Flieger. Wir fahren nun auf Ulm zu und von da in den Bezirk Augsburg , wo wir entladen und dann wieder an die Front fahren.
Am Heiligen Abend wird wohl unsere Musik sein: Symphonie des Krieges, Grauen und Elend, Not und Tod. Die armen Jungs, die da so kaputtgeschossen werden.
Eben ist einer nach Berlin gefahren, um die Weihnachtspost zu holen. Ich freue mich sehr darauf, sind es doch bald 14 Tage her, daß wir die letzte Post bekommen haben. Aus meinem Zeug bin ich genau seit 8 Tagen nicht mehr herausgekommen, geschweige denn richtig geschlafen …
20. Dezember 1944: Amberg
...mitteilen, daß wir nicht im Bezirk Augsburg ausladen, sondern im Bezirk Prag. Ja, meine Lieben, so weit bin ich weg von Euch, und im Böhmerwald werden wir Weihnachten feiern. Hab ich mir auch nicht träumen lassen. Wir sind aber froh, daß wir nicht an die Front fahren.
… gestern stand ein Flüchtlingszug aus Zweibrücken neben uns. Nur Frauen und Kinder und ein Elend! Als die hörten, Aachen und Eupen wären wieder in unserer Hand, sind die sich um den Hals gefallen
Ach, ich kann mir so richtig vorstellen, wie gemütlich Du es jetzt hast! … und nun Eure große Enttäuschung, daß ich Weihnachten und Sylvester nicht bei Euch sein kann. Neugierig bin ich ja nur, ob unser Grenadier da war. Wann ich wiederkomme, kann ich nicht sagen, bestimmt aber im nächsten Jahr!
Ich wollte Dir 2 neue Theaterstücke zu Weihnachten schreiben, aber leider sind sie nicht fertig geworden. Seit 14 Tagen bin ich nicht mehr zum Schreiben gekommen. Ich muß mich erst wieder sammeln, es war zuviel Grauen um uns. Schluß, es liegt hinter uns.
24. Dezember 1944: Neuenburg (Böhmen)
Mein Allerliebstes, meine lieben Kinder! Erstmal horchte ich vorhin auf, als es hieß: »Johannsen, Paket und Post abholen«. Ich also hin und nahm mein Paket in Empfang. Also Mutti … ein Glück, daß ich alleine beim Auspacken war. So viele schöne Sachen! Da kam heute, am Heiligen Abend der ,,Weihnachtsmann doch zu mir. Diese Marzipan-Sachen, die Zigarren, Zigaretten, Kuchen.
Liebe Anneliese, ich danke für die beiden kleinen Herzen, aber ich habe ein viel viel größeres. Ich könnte sonst nicht so viel Liebe abgeben. Nebenbei, mein Herz hatte einen Sprung, das Kuchenherz natürlich! Der kleine Tannenzweig ersetzt mir den Weihnachtsbaum. Nichts habe ich bekommen, keinen Tannenbaum, nicht mal ein paar Tannenzweige.
Wir stehen hier vor Prag, auf einem gr. Güterbahnhof, zwischen lauter Waggons. Das hat sich von uns keiner träumen lassen, so Weihnachten zu feiern …
Heute morgen wachte ich vor Kälte auf. Mein Feuer war mir ausgegangen. Die 4. Nacht nicht richtig geschlafen. Es war wohl der schwerste Transport, den ich je gehabt habe. Allein 6 Amputierte und die schweren Bauch- und Lungenschüsse …
Also, mein Feuer war aus und im Wagen hatte ich 13° unter Null, draußen waren 16° Kälte! Alle meine Blumen sind erfroren, meine schöne, große Zimmerlinde. Sie sollte doch mein Weihnachtsbaum sein. Alles hin, weinen möchte ich. Waren doch meine Blumen meine einzige Freude hier im Wagen. Mein Alpenveilchen stand in voller Blüte.
Wo wir Sylvester sind? Evtl. liegen wir noch hier. Unser Küchenwagen ist kaputt! Ich bin durch nichts mehr zu erschüttern … Nervenschmerzen hast Du? Eine Überanstrengung ist es und zuviel im kalten Wasser gewesen!
Für heute Schluß. Ich bin froh, wenn der Abend erst vorbei ist.
Seid alle herzlich gegrüßt und innig geküßt von … (siehe Gedicht »Verzagt«) (siehe Gedicht »Ein Märchen im Traum«)
25. Dezember 1944: Neuenburg
Jetzt will ich Euch mal meinen Heiligen Abend beschreiben. Bis 16 Uhr haben wir schwer arbeiten müssen, Verpflegung fassen usw. Danach haben wir für die Küche 600 L Wasser schleppen müssen. Der Weg war hin und zurück genau 1 km. Danach habe ich gebadet, mich umgezogen. Um 17 Uhr 30 wurde gegessen.
Es gab Karbonade mit Spargel und Schokoladenpudding. Dann ging jeder wieder in seinen Wagen. Um 19 Uhr war Bescherung. Jeder hatte auf seinem Platz eine Schale mit Sachen stehen.
Ich hatte 1 Buch, 4711, Creme, Schokolade 2 Päckch. mit Keksen, braune Kuchen 2o Zigaretten, 2 Fl. Wein, 2 Äpfel, 10 Rasierklingen.
Das Buch heißt: »Das kleine Vortragsbuch«. Der Oberstabsarzt hat eine Kriegsweihnachtsgeschichte vorgelesen. »Stille Nacht« haben wir danach gesungen und richtige Kerzen brannten am Tannenbaum. Es war soweit alles schön, aber unsere Gedanken waren in der Heimat, bei Euch. Mein Nebenmann hat mich ein paar Mal angestoßen: Joh., Du träumst ja! Ich war bei Euch.
Wir haben dann unsere Sachen in unsere Wagen gebracht. Es sollte weiter gefeiert werden … wir bekamen noch 1 Fl. Wein und Cognac … ich konnte so nicht weiterfeiern, ein Kamerad gab mir einen Wink und wir gingen in meinen Wagen …
Morgen gehe ich hier in ein Konzert.
30. Dezember 1944: Wien-Semmering
Nun haben wir Wien schon weit hinter uns und sind bereits in Ungarn. Gleich sind wir am Ziel und wollen laden. Wo ich mich nicht überall herumtreibe! Weihnachten noch bei den Tschechen, Sylvester in Ungarn und Neujahr in Österreich. Wir fahren wohl in den Bezirk Erfurt. Ich hab mir die Donau mal richtig angesehen, von der Quelle bis Siegmaringen, wo sie als kleines Flüßchen läuft, bis hier bei Wien. Aber Donau so blau? Nein, blau war wohl der, der sie im blauen Zustand gesehen hat! Die Donau ist grünlich! Und ich war nüchtern … hier liegt viel Schnee.
Unsere Fahrt geht auf Stottern. Jeden Augenblick fahren wir mal nicht. Uns kann es egal sein, wo wir ins Bett steigen. Ich glaube, ich habe heute Nacht noch Ruhe. Morgen ist es vorbei.
31. Dezember 1944: Bruck
Eben habe ich meinen Wagen beladen. Ich war schon froh, alles so mobile Jungs zu bekommen, da kamen die letzten 5. Einem gebe ich noch ein paar Stunden, dann hat er ausgelitten. Alle 5 schwere Kopfschüsse. Gestern bei Budapest verwundet.
Trinkt Ihr man auf mein Wohl heute abend … Eben hab ich meinen ganzen Wagen mit einem halben Eimer Wasser durchgefeudelt. Wasser ist im Winter bei uns knapp.
Gleich werde ich meinen schwersten Fall los. Notausladung! An unsre Feiern in der Turnstraße darf ich nicht denken, dann kommt mir das graue Elend an. Immerhin bin ich froh, hier im Trocknen zu sein. Stell Dir vor, die Frauen feiern Sylvester in der Meinung, ihren Männern geht es gut, und in Wirklichkeit liegen sie schwer zerschossen hier im Wagen und sind noch froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. (siehe Gedicht »Jahreswende«) (siehe Gedicht »Gevadder Dood«)
1. Januar 1945: Wien
Ein frohes Neues Jahr wünscht Euch …
Ich habe nur den einen Wunsch: recht bald für immer wieder bei Euch zu sein. Noch nie habe ich das Getrenntsein so schwer empfunden, wie gerade in dieser Stunde … Ich konnte nur schnell auf einen Sprung aus meinem Wagen. Ich muß bei einem Kameraden wachen, der wohl seinen schwersten Kampf kämpft. Aber ich glaube, ich bekomme die Oberhand …
Die Rede des Führers war bei uns sehr schlecht zu verstehen, weil wir im fahrenden Zug ins Neue Jahr fuhren. Wir sind nun am anderen Ende von Wien.
3. Januar 1945: Gera
Nach 14 Tagen habe ich endlich wieder Post von Euch. Ja, wir haben alles überstanden, doch wie es da drinnen aussieht …
Schön, daß Uwe bei Dir war, aber war es nicht sehr leichtsinnig, so zu fahren? Er hätte alles auf's Spiel setzen können. Ich habe eine Angst ausgestanden … erst als ich seinen Brief gelesen hatte, war ich wieder beruhigt.
Und von Marga hast Du 2 Leuchter (Handarbeit) bekommen?
5. Januar 1945: Gera
Herzlichen Dank für … und sogar der Tannenbaum wartet noch auf mich? … Na, laß' ihn man noch ein paar Tage … man kann ja nie wissen. Weihnachten und Sylvester waren bitter genug für mich. Aber Dein Päckchen, jedes Stück war doch von Dir! Ich glaubte noch nie schöner beschenkt worden zu sein.
Habe über diese Sylvesternacht ein kleines Gedicht geschrieben. Gefällt es Dir? »Jahreswende - Lebensende«. Möchte es nicht wieder erleben und muß doch mit jeder Fahrt damit rechnen.
Die Kameraden kamen per Flugzeug aus dem eingeschlossenen Budapest und waren erst vor Stunden verwundet.
Daß Ihr frieren müßt, ist ja toll! Gilt das Wort des Führers nicht mehr »keiner soll hungern und frieren«? Aber es sind ja nur Bombengeschädigte! Laß man Mutti, mit denen, die in der Heimat den Krieg gewonnen haben, kommt noch mal eine Abrechnung.
Morgen früh um 6 Uhr fahren wir mit 5 Mann nach Erfurt, um Leibwäsche zu tauschen. Das wird eine kalte Partie, es ist hier auch bitter kalt. Wir sind auch immer dabei, Feuerung zu besorgen.
10. Januar 1945: Hirschberg
Soeben haben wir die letzten Verwundeten ausgeladen, (in Ninsby und Löwenberg) liegen nun mit unserem Zug in Hirschberg. Warten auf Abruf …
Den Kuchen kann ich ohne Hammer nicht essen! So hart ist er, aber schmeckt gut. Den Speck hab ich warm gemacht und auf Brot gegessen. Prima! Hier in meinem Wagen ist auch oft eine Hundekälte. Oftmals so 10 - 15 Grad unter Null! Ich mag mitunter nicht aus meinem Bett heraus, um Feuer anzumachen. Wir liegen fast eine Stunde vom Bahnhof Hirschberg entfernt. Wunderschön das Riesengebirge! Viel Schnee. Bis zu den Knien sackt man ein!
Glaub mir, der Krieg geht schneller zu Ende, als wir ahnen …
12. Januar 1945: Warmbrunn
Meine Allerliebste!
Vorhin war ich im tief verschneiten Kurpark. Keine Menschenseele … eine Ruhe … ein Frieden: Die Wege, die Sträucher, die Tannen, schwer mit Schnee behangen. Ich halte still den Atem an, mich hält das Schauen in seinem Bann …
Schau, so kommen mir schon während des Schreibens die schönen Gedanken. (siehe Gedicht »Winterfrieden)
18. Januar 1945: Guben
Ihr Lieben! Schnell will ich ein paar Zeilen schreiben, aber nur, damit Ihr wißt, daß ich gesund bin! Gestern, nach einer schwersten Fahrt, in Guben gelandet. Gleich fährt der Postholer nach Hamburg. Schade, daß ich es nicht bin. Wir sind froh, die Kameraden heil herausbekommen zu haben. Wir hatten schon abgeschlossen… 240 Mann können wir laden, 500 hatten wir! Den Rest müßt Ihr Euch denken! Eingekesselt - Tiefflieger - Bomben. Mir genügt es. Der Zug ist beschädigt. Bleibt gesund und seid herzlich gegrüßt!
25. Januar 1945: Leipzig-Engelsdorf
… wir liegen hier immer noch. Eine trostlose Angelegenheit zwischen hunderten von Waggons. Gestern habe ich 4 Karten (a RM 6,-) für das Gewandhaus-Orchester bekommen. Ob Furtwängler? Ab Sonnabend wird unser Zug fahrbereit gemeldet und dann kann es wieder losgehen. Weit in den Osten geht es ja nicht mehr. Schlimm, schlimm. Ich wollte… Das Zigeunerleben gefällt mir nicht mehr.
25. Januar 1945: Leipzig
Obgleich ich so müde… den ganzen Tag in Leipzig Verpflegung empfangen…
Hab eben 3 Teller voll Erbsensuppe mit Speck gegessen. Wir bekommen jetzt Frontverpflegung … trotzdem werde ich nicht dicker… wäre nur der ganze Rummel erst vorbei… wer weiß, was uns noch beschieden ist… nicht denken. Ich bin froh, daß Ihr nicht in einer Gefahrenzone, furchtbares Leid müssen die Menschen durchmachen, wo der Russe jetzt ist. Mußte es soweit kommen? Sind wir schon so schwach?
29. Januar 1945: Swinemünde
Liebes! Herzlichen Dank für Deine 3 Briefe, die ich heute in Pasewalk erhielt. Gleich laden wir hier in Swinemünde, aber wohin, ist noch ein Rätselraten. Wir hoffen ja alle so sehr auf Hamburg.
Ich hab Heimweh! Kannst Du doch verstehen, nicht? Schon 6 Wochen… unheimlich lange geworden. Wäre es vor 14 Tagen auch bald soweit gewesen, denn lebend hätte mich der Iwan nicht bekommen! Reden wir darüber, wenn ich im Hause bin.
Die ersten Verwundeten werden vom Schiff getragen … (siehe Gedicht »Warum?«)
13. Februar 1945: Rosenheim
Ich habe meinen Wagen, Gott sei Dank, wieder leer und sauber. Alles ist ausgeflogen. Es ist eine himmlische Ruhe um mich. … Habe seit Tagen wahnsinnige Kopfschmerzen, eine Nervenentzündung über dem linken Auge.
20. Februar 1945: Leipzig
Von Görlitz bis Leipzig sind es gut 200 km, das in 3 Tagen! Alles verstopft… auf den Straßen endlose Trecks. Bilder kann man sehen… Ochsen vor Droschken, voll mit Kindern beladen! Ich konnte leider keine Aufnahmen machen. Das sind Bilder, die man wohl nie im Leben wieder sieht. Für mancheinen wäre es nicht zum Schaden, könnte er mal sehen, wie die Menschen von Haus und Hof müssen, innerhalb von 2 Stunden. Man kann sich ausmalen, was man da schon groß mitnehmen kann. Soeben fahren wir in Engelsdorf bei Leipzig ein. Hier lagen wir ja 8 Tage in Reparatur. Hier steht Flüchtlingszug an Flüchtlingszug! Einige sind schon Wochen unterwegs.
Mir geht es gut, mache Dir keine Sorgen. Der Arzt freut sich, daß ich wieder esse. Nur Aufregung muß ich vermeiden. Ich hab hinterher immer wahnsinnige Kopfschmerzen. Unsere Fahrt geht nach Bayern. Ist auch egal … Voralarm! Es ist 21 Uhr.
Mehr kann ich nicht schreiben … Kopfschmerzen (siehe Gedicht »Flüchtlinge«)
25. Februar 1945: Memmingen
Noch immer warten wir auf den Postholer. Seit einer Woche ist er unterwegs. … Ich sollte ja erst nach Hamburg, aber lag ja krank. Sollte es so sein..? Wir stehen hier neben einem großen Gebäude - Schlachthof. Die Tiefflieger besuchen uns jeden Tag … viele Verbände über uns Richtung Augsburg - Ulm. Seit 20 Uhr haben wir hier auch wieder Alarm. Gleich ist es 22 Uhr. Meine Gedanken sind immer wieder bei Euch. Ist es wahr, daß bei Euch in der Zeitung stand, wenn ein 5-Minuten-Dauerton kommt, ist mit Luftlandetruppen zu rechnen? Wenn ja, gibt uns die Sache zu denken und wir leben hier um Euch immer in einer Angst! Nur ein Glück, daß es nicht der Iwan ist. Sollte es mal eintreten, Ruhe bewahren, Mutti, und im Haus bleiben. Nebenbei glaube ich, wird er sich hüten, neben einer Großstadt abzuspringen.
Wir haben Entwarnung! 3 Stunden genügen uns auch.
27. Februar 1945: Memmingen
Ich sitze hier und bin U.v.D. Heute, am Tage, fliegen sie zu Hunderten über uns Richtung Augsburg. Wir haben einen strahlenden Vollmond … Ruhe und Frieden! … wenn nur die Menschen …
Soeben der 5.Alarm! Eben hat der Heizer, ein »Mottenburger« (Stadtteil in der Umgangssprache von Hamburg-Altona) mir die Zeit mit Erzählen vertrieben.
Ich glaube bestimmt, daß bald eine Wende kommt, nach der Rede des Führers!
25. März 1945: Karlsbad
Ich wünsche Euch ein frohes, gesundes Osterfest und hoffe, daß wir es im nächsten Jahr zusammen …
Wir denken, morgen ausladen zu können. Heute habe ich mir am Bahndamm einen Strauß Veilchen gepflückt, mit Wurzeln. 2 Blumentöpfe habe ich bepflanzt. Unsere Fahrt war sonst ganz gut, aber die alten Leute, traurig, traurig.
Wir wollen nach Eger - Franzenbad und liegen hier fest. Der Tommy hat Eger bombardiert. Es ist heute Sonntag und ein wunderschöner Tag … Ich sitze hier und spiele mit einem kleinen Fahrgast von einem Jahr. Er hat heute Geburtstag. Die Mutter liegt drinnen und hat einen Granatsplitter durchs Knie.
Wenn ich nur im Hause wäre, anstatt durch die Welt zu gondeln! Hoffen wir, daß das Ende nicht mehr weit ist.
Ich muß das Abendbrot holen. Habe noch 14 Verwundete im Wagen …
[caption id="attachment_295" align="aligncenter" width="365"] Joh. Joh. als Sanitäter mit Schwestern und Verwundeten in Bönningstedt (Rugenberg. Mühle), 1945[/caption]
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