10. Januar 1945: Hirschberg

Soeben haben wir die letzten Verwundeten ausgeladen, (in Ninsby und Löwenberg) liegen nun mit unserem Zug in Hirschberg. Warten auf Abruf …

Den Kuchen kann ich ohne Hammer nicht essen! So hart ist er, aber schmeckt gut. Den Speck hab ich warm gemacht und auf Brot gegessen. Prima!
Hier in meinem Wagen ist auch oft eine Hundekälte. Oftmals so 10 – 15 Grad unter Null! Ich mag mitunter nicht aus meinem Bett heraus, um Feuer anzumachen. Wir liegen fast eine Stunde vom Bahnhof Hirschberg entfernt. Wunderschön das Riesengebirge! Viel Schnee. Bis zu den Knien sackt man ein!

Glaub mir, der Krieg geht schneller zu Ende, als wir ahnen …

5. Januar 1945: Gera

Herzlichen Dank für … und sogar der Tannenbaum wartet noch auf mich? … Na, laß‘ ihn man noch ein paar Tage … man kann ja nie wissen. Weihnachten und Sylvester waren bitter genug für mich. Aber Dein Päckchen, jedes Stück war doch von Dir! Ich glaubte noch nie schöner beschenkt worden zu sein.

Habe über diese Sylvesternacht ein kleines Gedicht geschrieben. Gefällt es Dir? »Jahreswende – Lebensende«. Möchte es nicht wieder erleben und muß doch mit jeder Fahrt damit rechnen.

Die Kameraden kamen per Flugzeug aus dem eingeschlossenen Budapest und waren erst vor Stunden verwundet.

Daß Ihr frieren müßt, ist ja toll! Gilt das Wort des Führers nicht mehr »keiner soll hungern und frieren«? Aber es sind ja nur Bombengeschädigte! Laß man Mutti, mit denen, die in der Heimat den Krieg gewonnen haben, kommt noch mal eine Abrechnung.

Morgen früh um 6 Uhr fahren wir mit 5 Mann nach Erfurt, um Leibwäsche zu tauschen. Das wird eine kalte Partie, es ist hier auch bitter kalt. Wir sind auch immer dabei, Feuerung zu besorgen.

3. Januar 1945: Gera

Nach 14 Tagen habe ich endlich wieder Post von Euch. Ja, wir haben alles überstanden, doch wie es da drinnen aussieht …

Schön, daß Uwe bei Dir war, aber war es nicht sehr leichtsinnig, so zu fahren? Er hätte alles auf’s Spiel setzen können. Ich habe eine Angst ausgestanden … erst als ich seinen Brief gelesen hatte, war ich wieder beruhigt.

Und von Marga hast Du 2 Leuchter (Handarbeit) bekommen?

1. Januar 1945: Wien

Ein frohes Neues Jahr wünscht Euch …

Ich habe nur den einen Wunsch: recht bald für immer wieder bei Euch zu sein. Noch nie habe ich das Getrenntsein so schwer empfunden, wie gerade in dieser Stunde … Ich konnte nur schnell auf einen Sprung aus meinem Wagen. Ich muß bei einem Kameraden wachen, der wohl seinen schwersten Kampf kämpft. Aber ich glaube, ich bekomme die Oberhand …

Die Rede des Führers war bei uns sehr schlecht zu verstehen, weil wir im fahrenden Zug ins Neue Jahr fuhren. Wir sind nun am anderen Ende von Wien.

31. Dezember 1944: Bruck

Eben habe ich meinen Wagen beladen. Ich war schon froh, alles so mobile Jungs zu bekommen, da kamen die letzten 5. Einem gebe ich noch ein paar Stunden, dann hat er ausgelitten. Alle 5 schwere Kopfschüsse. Gestern bei Budapest verwundet.

Trinkt Ihr man auf mein Wohl heute abend … Eben hab ich meinen ganzen Wagen mit einem halben Eimer Wasser durchgefeudelt. Wasser ist im Winter bei uns knapp.

Gleich werde ich meinen schwersten Fall los. Notausladung! An unsre Feiern in der Turnstraße darf ich nicht denken, dann kommt mir das graue Elend an. Immerhin bin ich froh, hier im Trocknen zu sein. Stell Dir vor, die Frauen feiern Sylvester in der Meinung, ihren Männern geht es gut, und in Wirklichkeit liegen sie schwer zerschossen hier im Wagen und sind noch froh, mit dem Leben davongekommen zu sein.

30. Dezember 1944: Wien-Semmering

Nun haben wir Wien schon weit hinter uns und sind bereits in Ungarn. Gleich sind wir am Ziel und wollen laden. Wo ich mich nicht überall herumtreibe! Weihnachten noch bei den Tschechen, Sylvester in Ungarn und Neujahr in Österreich. Wir fahren wohl in den Bezirk Erfurt. Ich hab mir die Donau mal richtig angesehen, von der Quelle bis Siegmaringen, wo sie als kleines Flüßchen läuft, bis hier bei Wien. Aber Donau so blau? Nein, blau war wohl der, der sie im blauen Zustand gesehen hat! Die Donau ist grünlich! Und ich war nüchtern … hier liegt viel Schnee.

Unsere Fahrt geht auf Stottern. Jeden Augenblick fahren wir mal nicht. Uns kann es egal sein, wo wir ins Bett steigen.
Ich glaube, ich habe heute Nacht noch Ruhe. Morgen ist es vorbei.

25. Dezember 1944: Neuenburg

Jetzt will ich Euch mal meinen Heiligen Abend beschreiben. Bis 16 Uhr haben wir schwer arbeiten müssen, Verpflegung fassen usw. Danach haben wir für die Küche 600 L Wasser schleppen müssen. Der Weg war hin und zurück genau 1 km. Danach habe ich gebadet, mich umgezogen. Um 17 Uhr 30 wurde gegessen.

Es gab Karbonade mit Spargel und Schokoladenpudding. Dann ging jeder wieder in seinen Wagen. Um 19 Uhr war Bescherung.
Jeder hatte auf seinem Platz eine Schale mit Sachen stehen.

Ich hatte
1 Buch, 4711, Creme, Schokolade
2 Päckch. mit Keksen, braune Kuchen
2o Zigaretten, 2 Fl. Wein, 2 Äpfel,
10 Rasierklingen.

Das Buch heißt: »Das kleine Vortragsbuch«. Der Oberstabsarzt hat eine Kriegsweihnachtsgeschichte vorgelesen. »Stille Nacht« haben wir danach gesungen und richtige Kerzen brannten am Tannenbaum. Es war soweit alles schön, aber unsere Gedanken waren in der Heimat, bei Euch. Mein Nebenmann hat mich ein paar Mal angestoßen: Joh., Du träumst ja! Ich war bei Euch.

Wir haben dann unsere Sachen in unsere Wagen gebracht. Es sollte weiter gefeiert werden … wir bekamen noch 1 Fl. Wein und Cognac … ich konnte so nicht weiterfeiern, ein Kamerad gab mir einen Wink und wir gingen in meinen Wagen …

Morgen gehe ich hier in ein Konzert.

24. Dezember 1944: Neuenburg (Böhmen)

Mein Allerliebstes, meine lieben Kinder! Erstmal horchte ich vorhin auf, als es hieß: »Johannsen, Paket und Post abholen«. Ich also hin und nahm mein Paket in Empfang. Also Mutti … ein Glück, daß ich alleine beim Auspacken war. So viele schöne Sachen! Da kam heute, am Heiligen Abend der ,,Weihnachtsmann doch zu mir. Diese Marzipan-Sachen, die Zigarren, Zigaretten, Kuchen.

Liebe Anneliese, ich danke für die beiden kleinen Herzen, aber ich habe ein viel viel größeres. Ich könnte sonst nicht so viel Liebe abgeben. Nebenbei, mein Herz hatte einen Sprung, das Kuchenherz natürlich! Der kleine Tannenzweig ersetzt mir den Weihnachtsbaum. Nichts habe ich bekommen, keinen Tannenbaum, nicht mal ein paar Tannenzweige.

Wir stehen hier vor Prag, auf einem gr. Güterbahnhof, zwischen lauter Waggons. Das hat sich von uns keiner träumen lassen, so Weihnachten zu feiern …

Heute morgen wachte ich vor Kälte auf. Mein Feuer war mir ausgegangen. Die 4. Nacht nicht richtig geschlafen. Es war wohl der schwerste Transport, den ich je gehabt habe. Allein 6 Amputierte und die schweren Bauch- und Lungenschüsse …

Also, mein Feuer war aus und im Wagen hatte ich 13° unter Null, draußen waren 16° Kälte! Alle meine Blumen sind erfroren, meine schöne, große Zimmerlinde. Sie sollte doch mein Weihnachtsbaum sein. Alles hin, weinen möchte ich. Waren doch meine Blumen meine einzige Freude hier im Wagen. Mein Alpenveilchen stand in voller Blüte.

Wo wir Sylvester sind? Evtl. liegen wir noch hier. Unser Küchenwagen ist kaputt! Ich bin durch nichts mehr zu erschüttern …
Nervenschmerzen hast Du? Eine Überanstrengung ist es und zuviel im kalten Wasser gewesen!

Für heute Schluß. Ich bin froh, wenn der Abend erst vorbei ist.

Seid alle herzlich gegrüßt und innig geküßt von …

20. Dezember 1944: Amberg

…mitteilen, daß wir nicht im Bezirk Augsburg ausladen, sondern im Bezirk Prag. Ja, meine Lieben, so weit bin ich weg von Euch, und im Böhmerwald werden wir Weihnachten feiern. Hab ich mir auch nicht träumen lassen. Wir sind aber froh, daß wir nicht an die Front fahren.

… gestern stand ein Flüchtlingszug aus Zweibrücken neben uns. Nur Frauen und Kinder und ein Elend! Als die hörten, Aachen und Eupen wären wieder in unserer Hand, sind die sich um den Hals gefallen

Ach, ich kann mir so richtig vorstellen, wie gemütlich Du es jetzt hast! … und nun Eure große Enttäuschung, daß ich Weihnachten und Sylvester nicht bei Euch sein kann. Neugierig bin ich ja nur, ob unser Grenadier da war. Wann ich wiederkomme, kann ich nicht sagen, bestimmt aber im nächsten Jahr!

Ich wollte Dir 2 neue Theaterstücke zu Weihnachten schreiben, aber leider sind sie nicht fertig geworden. Seit 14 Tagen bin ich nicht mehr zum Schreiben gekommen. Ich muß mich erst wieder sammeln, es war zuviel Grauen um uns. Schluß, es liegt hinter uns.

19. Dezember 1944: Siegmaringen/Donau

Wenn Ihr diesen Brief bekommt, ist Weihnachten gewesen und wir haben alles hinter uns. Gott sei Dank! Uns hier am Zug muß der Weihnachtsmann ja vergessen, oder er kann uns nicht finden, wo wir doch, wie die Zigeuner, hin und her, kreuz und quer durch das Land fahren. Wir sind jedesmal froh, wenn wir wieder heil und gesund aus dem Schlamassel heraus sind. Das ist unser Geschenk.

Gestern und heute war es eine sehr schöne Fahrt, durch Baden und durch den Schwarzwald. Ist der schön, nur kalt, viel Schnee liegt hier. Die hohen, dunklen Tannen und die bis zu l000 m hochsteigenden Felsen! Da kommt man sich so klein und lächerlich vor. Die Ruhe! Nicht mehr das Trommelfeuer der Ari. in den Ohren, oder das Gebrumm der Flieger. Wir fahren nun auf Ulm zu und von da in den Bezirk Augsburg , wo wir entladen und dann wieder an die Front fahren.

Am Heiligen Abend wird wohl unsere Musik sein: Symphonie des Krieges, Grauen und Elend, Not und Tod. Die armen Jungs, die da so kaputtgeschossen werden.

Eben ist einer nach Berlin gefahren, um die Weihnachtspost zu holen. Ich freue mich sehr darauf, sind es doch bald 14 Tage her, daß wir die letzte Post bekommen haben. Aus meinem Zeug bin ich genau seit 8 Tagen nicht mehr herausgekommen, geschweige denn richtig geschlafen …